Tenzone

Troubadoure über die Liebe

Ein poetisches Streitgedicht über die Liebe,

angestoßen Mitte des 13. Jahrhunderts von 


Jacopo Mostacci


Letztens kramte ich müßig in meinem Wissen

Auf der Suche nach einem rechten Vergnügen

Wo ein Zweifel mir zu der Frage erblühte 

Die zu entscheiden, ich Euch nun senden möchte:

 

Die Leute behaupten, Liebe habe die Macht

Herzen zu nötigen, Liebe zu erzwingen. 

Aber mir mangelt ein Grund, dem zuzustimmen: 

Sah die Liebe doch keiner, und sieht sie auch nicht.

 

Leicht zu entdecken, ist jedoch die Verliebtheit

Wie sie - so scheint es - dem Wohlgefallen erwächst 

Deshalb sagen sie, es gebe sie – die Liebe. 

 

Mir sind andere Eigenschaften nicht bekannt

Was sie aber wirklich ist, höre ich von euch

Denn in dieser Frage sollt ihr mir entscheiden.


Pier de la Vigna


Sah die Liebe doch keiner, und sieht sie auch nicht.

Sie hat keinen Körper, und lässt sich nicht fassen.

Daraus folgern manche, aber haben nicht recht,

Wenn sie meinen, die Liebe sei ein nichts, gar nichts.

 

Doch die Liebe macht sich bemerkbar, jeder weiß es

Tief wirkt sie aus den Herzen, uns zu beherrschen.

Solch tiefes Begehren zeigt machtvoller sie

Als sähen wir ihre Gestalt, was wir nicht tun.

 

Es ist wie, wenn Magneten an Eisen zerren

Da sehen wir die Wirkung zwar, nicht aber die Kraft

Mit der sie zieht, so unsichtbar wie wirkmächtig.

 

Dieser Sachverhalt ermutigt meinen Glauben

Dass der Idee der Liebe Existenz zukommt,

Eine, an die wir und alle glauben dürfen.


Giacomo da Lentini


Liebe als ein Begehren, tief aus dem Herzen

Gründet sich im Übermaß an Wohlgefallen;

Doch entzünden die Augen die Liebe zuerst 

Auf dass das Herz sie – nur zu bereitwillig – nährt.

 

Zwar kommt es vor, so sagt man, dass einer entbrennt,

Der nie seine Liebste, noch seinen Liebsten sah,

Doch wen die Liebe unwiderstehlich bezwingt,  

Dem entbrannte die Glut sehr wohl aus den Augen:

 

Weil die Augen es sind, die dem Herzen zeigen 

All die Dinge, ob sie gut sind oder auch schlecht, 

Sie ihm vorstellen, jedes nach seiner Natur;

 

Und weil das Herz solche Vorstellungen nimmt

Zu Bildern formt im Gefallen am Begehren:

Diese Art von Liebe herrscht unter den Menschen. 


Hermann Gfaller


Ich fand, Ihr Gelehrten, in Euren Sonetten,

Dauerhaftes Wissen, das weckte den Wunsch

Mich bescheiden in Eurem Kreise zu äußern,

Denn Freiheit schwächt heute Eure Argumente.

 

Der Liebe große Macht macht sie Euch verdächtig

Weil ihr besitzen wollt anstatt besessen sein

Und seht hier doch Verliebtheit nur, so unreif noch

Für Partnerschaft, die Freiheit braucht und nicht besitzt.

 

Das Auge weckt und Fantasie der Begierde

Unendliche Kraft, die segensreich wirkt, nicht im

Erobern, sondern im stetigem Werben.

 

Lässt Eros sich durch Minne veredeln, werden

Philia und Agape in den Reigen gelockt,
Liebe zu ertanzen - vielleicht für ein Leben. 





 

 


Der Mond doziert und Venus trinkt ein Bier

Gedichte von Hermann Gfaller

Umschlag und Illustrationen ebenfalls von Hermann Gfaller

 

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 Preis: 11,80 €
Taschenbuch: 96 Seiten, 5 farbige Abbildungen
Verlag: Kunst- und Textwerk Verlag (www.kutv.de)
ISBN-13: 978-3937000237

 


 

 

Botanisieren unter Glas

Botanischer Garten, Januar 1999

Blitzlichtgewitter scheucht
Tropische Schatten,
Schönheiten nur für Botaniker

Zwischen Schachtelhalm
acht Meter hoch
Abgeschottet frösteln
Gardenien zuggeschützt
flattern sie:
Formosa-Schmetterlinge
erstaunlich groß,
verblüffend grau

Schmetterlingsjagd
Mit dem Apparat
Pfauenaugen handtellergroß

Nichts berühren
Nur nichts berühren



Morgenglut

Dezember 2003

Dunkel - noch.

Wohlige Wärme umhüllt

daunenweich uns,

Augenlider zucken,

den Morgen erahnend.

Tiefes Rot

bricht sich Bahn durch ein Fenster,

glüht ferne

zwischen zwei Häuserschatten.

Augenblicke später, Wolken

dramatisieren die rosenfingrige Eos.

Offene Augen bestaunen

noch in Kissen vergraben

das Spektakel, das aufflammt,

bald das ganze Fenster füllt – alle Fenster.

Tiefes Rot verblasst zu Erinnerung,

Sekunden später,

wie das rosa-orange Wolkentheater.

Sonnenhell verblasst die Illusion,

zerreibt die Wolkentürme zum weißen

Deckenanstrich – zum Alltag.

Doch die Erinnerung lebt,

glüht, wie die Umarmung,

im immer noch nachtwarmen

Bett.