Vom Ende des Journalismus als Beruf

Recherchieren sie schon vogelfrei oder fürchten Sie noch Ihre Entlassung?

Das Internet ersetzt mehr und mehr die Zeitung. Immer öfter werden Redakteursstellen durch so genannte Content-Manager ersetzt, die Texte noch einstellen, aber nicht mehr recherchieren. Das brauchen sie auch nicht, weil diese Texte in einem schwunghaften Handel von irgendwoher bezogen oder einfach aus dem Netz geklaut werden. Welcher Verlag leistet sich da noch teure Journalisten?

In den vergangen Jahren führte der Web-2.0-Hype zu der Fantasie es könne so etwas wie ein Bürgerjournalismus entstehen, wie er in einigen wenigen Blogs vorbildlich betrieben wird. Tatsächlich gab es ihn lange bevor ein Boulevardblatt Pseudo-Journalistenausweise verteilen ließ und mit Billig-Kameras Paparazzi zu züchten versuchte. In Tageszeitungen, wo eine Zeile mit 50 Cent oder weniger „honoriert“ wird, besteht das Heer der „freien Mitarbeiter“ längst aus Schülern, Studenten, Rentnern. Hinzu kommen Autoren mit gut dotierten Jobs, Architekten, Ärzte, Juristen, Wissenschaftler, auch Politiker und andere Lobbyisten, die für ihre durchaus fundierten Beiträge gar nichts bekommen.

Sie und die Blogger nehmen der überwiegenden Mehrzahl der freien Journalisten die sowieso mickrige Existenzgrundlage. Um auf ein Nettoeinkommen von 1500 Euro zu kommen (das ist in etwa das Durchschnittseinkommen, das die Künstlersozialkasse angibt, der die meisten Freien angehören), müsste ein freier Tageszeitungsjournalist monatlich hunderte Artikel à 100 Zeilen schreiben. Selbst wenn es so viele Aufträge gäbe, wäre das nicht zu schaffen. Aber darf man sich beschweren, solange die Leser Informationen erhalten, die nicht selten seriöser recherchiert sind als von hauptamtlichen Redakteuren unter Zeitdruck umgeschriebenen Pressemitteilungen oder die groß aufgemachten aber meist inhaltsleeren Prominenteninterviews.

Fachzeitschriften zahlen besser und ordern längere Beiträge, so dass ein Überleben manchmal schon mit fünf bis zehn Artikeln im Monat möglich wird. Solange aber die Zahl der Fachjournalisten (durch Entlassungswellen) explodiert, währen die der Fachpublikationen (mangels Anzeigen und zahlender Kunden) implodiert, ist es nicht einfach ist, jeden Monat so viele Aufträge zu ergattern. Die Honorarsätze liegen hier immerhin über einem Euro je Zeile oder werden bei längeren Beiträgen (mehr als 150 Zeilen) pauschal mit  200 bis 500 Euro abgegolten. Höhere Honorare gibt es, sind aber selten.

Die bessere Bezahlung hängt damit zusammen, dass in Fachpublikationen fast ausschließlich Akademiker mit langjähriger Branchenerfahrung zum Zuge kommen. Außerdem sind längere Artikel oft mit einem hohen Rechercheaufwand verbunden (der so gut wie nie vom Auftraggeber bezahlt wird.). Allerdings ist diese Argumentation eher historisch, da die berufsmäßigen Tageszeitungsjournalisten ebenfalls meist Akademiker sind und nicht weniger recherchieren als ihre Kollegen in den Fachpublikation.


Internet und Mehrfachverwertung

Mit dem Internet begann Ende der 90er Jahre die Krise der bisherigen Medien. Hersteller brauchen im Prinzip keine Zeitungen und kein Fernsehen mehr, um ihre Produkte bekannt zu machen – nicht einmal mehr Online-Publikationen. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass das eingebrochene Anzeigengeschäft der klassischen Medien nicht annähernd durch das Wachstum der Online-Werbeumsätze egalisiert werden konnte. Infolge der anhaltenden Anzeigenkrise schrumpfen seit Jahren die Redaktionen. Zudem kommt es immer wieder zu Massenentlassungen.

Die freien bzw. frei gesetzten Journalisten können davon kaum profitieren – auch wenn das Internet ihnen preiswerte Recherche-Möglichkeiten und neue Kunden beschert. Das liegt zum einen an der Bezahlung. So sind ihre Honorare weit niedriger als die Gehälter ihrer angestellten Kollegen, deren Tarife nach wie vor steigen und zudem nach Berufsjahren gestaffelt sind. Die meisten Freien müssen dagegen seit der Jahrtausendwende Honorarkürzungen hinnehmen.

Zum Anderen werden weit weniger freie Autoren gebraucht als Redakteure entlassen werden. Der Grund: Die Arbeit vieler Redaktionen hat sich zum Nachteil aller (Redakteure, Freier und Leser) dramatisch gewandelt. Damit ist weniger die Arbeitsverdichtung durch Auffangen der Stellenkürzungen und die Mehrbelastung mit neuen Aufgaben (vor allem online) gemeint.

Vor allem füllte sich der Begriff Mehrfachverwertung mit einer unschönen neuen Bedeutung. Es steht noch immer im Urhebergesetz, ist aber längst nicht mehr üblich dem Autoren ein Zweitverwertungshonorar zukommen zu lassen, wenn ein Beitrag in einer anderen Publikation des Verlags, im Internet oder auf CD wiederverwendet wird. Heute werden für den Druck geschriebene Beiträge  ins Internet gestellt  – mit vertraglich erzwungener oder stillschweigender Billigung des Autors – und ihm damit die Möglichkeit genommen, den Beitrag (in gleicher oder ähnlicher Form) an eine andere Publikation zu verkaufen. Stattdessen kommt es inzwischen umgekehrt vor, dass der Verlag den Beitrag eines Freien selbst an Partnerverlage oder im Rahmen einer so genanten Content-Syndication weiterverkauft. Google etwa braucht keine eigenen oder freie Journalisten, sondern bezieht seine News vollständig aus anderen Publikationen.

Eine modische Variante der Mehrfachverwertung ist auch das schlichte Abschreiben aus dem Internet, das heute zu den Hauptaufgaben vieler Online-Redakteure gehört. Das kann – auch ohne explizite Erlaubnis des Urhebers/Verwerters – legal geschehen, etwa bei kurzen Zitaten, wird aber nicht gern gesehen, wenn es extensiv geschieht, wie die Klagen von Feuilletons gegen die Webseite perlentaucher.de belegen. Definitiv illegal – aber kaum zu ahnden – ist die gängige Praxis fremdsprachige Texte aus dem Internet zu übersetzen und die Quelle zu verschweigen. Für die Verlage bedeuten all diese Praktiken, dass sich durch Kopieren, bestenfalls Übersetzen der Artikelausstoß immens erhöhen lässt, ohne dass man dafür einen Journalisten, gar einen freien Autor recherchieren lassen muss.

Die Praxis bedeutet aber auch, dass hohe Strafen und – bei knapp gehaltenen Redaktions-Budgets – auch das Aus drohen, wenn die Urheber, besser: Rechteinhaber anfangen, ernsthaft den Missbrauch ihrer Texte zu ahnden. Anzeichen dafür gibt es: So fahndet seit kurzem die Nachrichtenagentur Agence France Press (afp) gezielt im Internet nach Urheberrechtsverletzungen.


Vogelfrei

Fest angestellte Redakteure sehen die Probleme in ihren Redaktionen, wagen aber nicht aufzubegehren, um ihre sowieso bedrohte Stelle nicht zu verlieren. Sofern sie ein Budget dafür haben, versuchen sie sich mit Hilfe von Freien, Freiräume für Recherchen zu schaffen. Gerne werden die Freien auch mit aufwändigen Recherchen beauftragt – natürlich zum günstigen Pauschalpreis. Diese lassen sich auf das Spiel oft ein – die meisten arbeiten längst mit einer Mischkalkulation. Die Artikel in renommierten Publikationen dienen ihnen dazu, ihr Renommée bei den wirklich zahlenden Kunden aus der Industrie zu heben. Für sie halten sie Vorträge, leiten Podiumsdiskussioen, schreiben Whitepapers und Pressemitteilungen oder fungieren als Ghostwriter. Insbesondere im Fachjournalismus ist es zudem üblich geworden, dass die Freien ihre Recherche-Anregungen vom Hersteller und deren Agenturen beziehen. Damit gehen sie dann an die Redaktionen heran, in denen die Artikel von überlasteten Kollegen gerne genommen werden, wenn Geld da ist und die Beiträge nicht zu werblich klingen. Es nimmt nicht wunder, dass so mancher Redakteur inzwischen auf die Idee gekommen ist, die Beiträge direkt bei der Agentur oder beim Hersteller zu ordern. Dann fällt nämlich für den Verlag gar kein Honorar an.

Selbst wenn Freie auf Abstand zur Industrie achten, gelingt das nur selten. Seit die Verlage Recherchen, sprich Reisen nur noch in Ausnahmefällen zahlen, werden ausschließlich Termine wahrgenommen, die im Nahbereich liegen oder für die der Hersteller zahlt. Das führt dazu, dass wichtige Themen, interessante Entwicklungen untergehen, weil sie in 100 Kilometern Entfernung stattfinden. Dafür wird von der vom Marktführer bezahlten Pressereise ausführlich berichtet – weil man eben da war. Selbst ein kritischer Berichterstatter baut so die Marktpräsenz der spendablen Anbieter auf Kosten der armen Newcomer aus.


Exkurs: Zensur im Internet


Blogs und andere Formen des „Mitredens“ im Internet haben gegenüber offiziellen Medien den Vorteil, dass Meinung ungeschminkter verbreitet werden kann – falls es sich nicht um Marketing-Seiten handelt, wie sie Hersteller, Agenturen oder Verlage gerne betreiben. Häufig wird Authentizität aber durch eine Unprofessionalität erkauft, die Blogs zur idealen Plattform für Schleichwerbung, Verleumdung und Verschwörungstheorien macht. Solche Tendenzen überschatten die eigentlich segensreiche Kritik an den etablierten, oft sogar angepassten Medien.

Dennoch ist die Meinung im Internet keineswegs so frei, wie man meinen möchte. Zwar wird dort einiges verbreitet, was in journalistischen Publikationen – zu Recht oder zu Unrecht – keinen Platz fände, aber auch im Web gibt es Themen, deren offene Diskussion sofort durch eine Flut von Hassreaktionen (man kann es kaum anders nennen) verhindert wird. Neben der Ablehnung so genannter Softwarepatente gehört dazu fast alles, was die Online-Nutzung regulieren oder bislang frei zugängliche Inhalte sperren oder kostenpflichtig machen könnte. An dieser Haltung scheitern trotz wachsender Einnahmen für Online-Werbung seit Jahren fast alle seriösen publizistischen Geschäftsmodelle. Warum auch sollte ein Surfer für Inhalte zahlen, die Minuten später kostenfrei durchs Netz vagabundieren?

Indirekte Zensur (nicht nur im Web) findet auch durch den Werbemarkt statt, der angesichts der technischen Möglichkeiten im Web, kauffreudige Zielgruppen direkt zu erreichen, wenig Grund hat, sich noch viel um die Leser von linken, gar konsumkritischen Publikationen zu kümmern. Anders als Tageszeitungen und ihre Leser interessieren sich Werbekunden nicht für publizistische Ideale (verlässliche Sachinformation, Aufklärung über Hintergründe, Warnung vor Fehlentwicklungen in der Gesellschaft etc.), sondern betrachten sie nur als Lockmittel zu ihrer Werbung. Das sehen Web-Konzerne wie Google und Yahoo ähnlich und erweisen sich daher als weit flexiblere Werbepartner als potenziell skrupulöse Verlage – von denen es allerdings immer weniger gibt. Entsprechend sehen die Web-Publikationen aus: Ankündigungen, von Herstellern lancierte Gerüchte über Neuerungen, Tests, Vergleiche, lukrative Trends etc.

Exkurs zum Exkurs: Communities

Communities gelten bei ihren Portalbetreibern und der Werbebranche als besonders attraktiv. Vorgegebene Interessen sorgen für einen geringen Streueffekt und die aktive, wiederholte Nutzung der Mitglieder verstärkt die Werbewirkung. Doch Communities züchten bei den Stammgästen oft schlimmste Stammtisch-Effekte. Gleichgesinnte neigen dazu, sich gegenseitig in ihren Ureilen und Vorurteilen zu bestätigen. So sehen Manager alles aus der Management-Perspektive, Techniker lösen die Weltprobleme technisch und  eingeschworene Webciticens wehren alles ab, was ihre Freiheit im Web einzuschränken droht.