Gegen Rastefahndung im Internet

Es gibt schon zu viele Dossiers über uns

Alle Welt regt sich über die Schnüffelei von Unternehmen wie Bundesbahn, den Datenmissbrauch bei Callcentern oder die Datenbevorratung für Ermittlungsbehörden auf.  Gleichzeitig, ist für uns, so titelte kürzlich Die Zeit „Google: Der Spion, den wir lieben“. Warum eigentlich verbietet keiner die Rasterfahndung in Netz, das Zusammenführen von Informationen zu namentlichen User-Profilen, zu Dossiers?

Die Antwort liegt auf der Hand: Die User stellen ihre Daten freiwillig ein und gestatten den sozialen Netzwerken und anderen Sammlern per Klick auf die meist ungelesenen Geschäftsbedingungen oft auch noch die Verwertungsrechte für diese Informationen. Es ist bezeichnend, dass schon tausende von Facebook-Mitgliedern die neuen Geschäftsbedingungen akzeptiert hatten, die der Web-Company auch noch die Verwertung  selbst aller vom User (aus möglicherweise guten Gründen) getilgten Informationen auf alle Zeit garantieren sollte.

Warum tun Menschen so etwas? Zum einen sind es die oft zitierten vertrauensseligen, naiven und jungen Menschen, die die sozialen Netze nutzen, um mit ihren Freunden so zu kommunizieren, wie sie es auch auf einer Party tun würden. Zum anderen werden die Medien für soziale Netze, in denen sie den absolut angesagten Lifestyle sehen.

„Ist für mich alles kein Problem“, argumentieren die ganz Cleveren. Sie hätten das im Griff und sich zudem nichts vorzuwerfen, sie hätten auch nie auf einer Porno-Site geschaut, Software oder Musik raubkopiert auch keine Nacktbilder oder solche von Besäufnissen in YouTube eingestellt. Mag sein, aber wie sieht es mit Bekannten oder dem Ex-Freund aus, oder wer immer sonst den Fotoauslöser am Handy bedienen kann?

Aber es geht nicht nur um Lifestyle. Es geht auch um Erfolg: Ambient-Musiker, Online-Werber und US-Präsident Barack Obama nutzen diese Plattform – und werden dafür allseits gelobt. Glaubt man dem IBM-Vordenker Günther Dueck, fahnden zudem Unternehmen erst in den Profilen von Xing oder Facebook nach neuen Mitarbeitern bevor sie die Jobs ausschreiben. Entsprechend geben Job-Ratgeber – wie eben erst in der Süddeutschen Zeitung – Tipps in welchen Netzen, man sich wie darstellen sollte. Ganz abgesehen von den „fortschrittlichen“ Unternehmen, die ihre Mitarbeiter in – hoffentlich isolierte Bereiche – solcher Netze drängen, um moderne Kommunikationsstrukturen aufzubauen. Wie freiwillig ist in einer Zeit der drohender Arbeitslosigkeit die Teilnahme an solchen Communities?

Gänzlich unverständlich scheint unter solchen Gesichtspunkten das Lob der Fachmedien für das eben vorgestellte Google-Handy G1, mit dem Googles Schnüffeldienste auf Milliarden von potenziellen Handy-Nutzern ausgedehnt werden sollen. Man kann damit zwar auch telefonieren, aber im Grunde bleibt der Erwerb für jeden sinnlos, der nicht Google-Mail, Google-Maps, YouTube und natürlich die vielen Web-abhängigen Anwendungen nützen möchte, die über den Android-Markt angeboten werden. Hier soll der iPhone-Erfolg imitiert werden, mit dem Apple der Mobilfunkbranche zeigte, wie man die Nutzung von Datendiensten attraktiv macht und einen Eco-System für Anwendungen (17 000 sind es inzwischen) aufbaut.

Am PC lassen sich zudem klassische Office-Funktionen wie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation online durchführen. Google möchte, dass wir alle unsere Texte, unsere Bilder, unsere Adressen, unseren Schrift- und Sprachverkehr unseren jeweiligen Aufenthaltsort (inklusiv den unserer Freunde) und alle unsere Gewohnheiten auf Google-Servern hinterlegen. Durch Dienste à la Google Latitude erfahren wir, welche unserer Freunde (Kollegen, Untergebene) sich gerade wo in unserer direkten Umgebung aufhalten – wo immer auf der Welt wir uns auch gerade bewegen.

Den Behörden – zumindest in Deutschland – ist eine ähnliche Zentralisierung von Bürgerdaten streng untersagt. Selbst Ermittlungsbehörden brauchen für ein Amtshilfeersuchen den begründeten Verdacht, dass ein Verbrechen vorliegt, um an die Daten vom Finanzamt, der Bank oder der Meldestelle zu gelangen. Google weiß den Rest – ach was Google. Google perfektioniert, was es im Netz längst gibt: Über viele von uns sind dort längst Dossiers angelegt und veröffentlicht, obwohl das nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Betroffen erlaubt ist. Geben Sie etwa bei 123people.de oder bei yasni.de  ihren Namen, oder besser den ihres Lieblingsfeinds ein. Dort erfahren sie alle Wohnorte, den Arbeitgeber, sehen sein Foto, wo seine Kinder zur Schule gehen, welche peinlichen Fotos oder Videos es über ihn – von wem auch immer – im Netz gibt. Auch seine Freunde werden offengelegt und Begriffe, die am häufigsten mit ihm assoziiert werden.

Hier zu Lande wird gerne betont, man wolle keine amerikanischen Verhältnisse – sieht aber offensichtlich keine Probleme darin, seine privaten Daten, oder die von mehr oder weniger Bekannten auf internationale Online-Server zu legen, die weit weniger strengen Datenschutzrichtlinien unterliegen als hier zu Lande. Tatsächlich wurde in Kalifornien gerade ein Online-Pranger eingerichtet, auf dem Menschen mit Foto, Namen, Adresse und Arbeitgeber ausgestellt werden. Möglich wurde das, weil sie ihre Daten irgendwo, irgendwie freiwillig eingegeben haben. Auch bei uns wurden solche Pranger bereits diskutiert, etwa für Unternehmen, die keine Lehrlinge einstellen.

Die localised Services von Internet-Handys versprechen dank GoogleMaps und analogen Techniken Informationen über die Pizza um die Ecke, die historische Bedeutung des Gebäudes vor uns, oder eine Liste der Schwulen, Kommunisten, Open-Software-Gegner in dieser Funkzelle. Will die moderne Weltgesellschaft sich tatsächlich derart entblößen, nur damit die Werbeindustrie zielgenau potenzielle Kunden belästigen kann oder die Mobilfunkindustrie ein tragfähiges Geschäftsmodell für Einnahmen aus Datenverkehr bekommt?

für ZDNet.de