Neue Arbeitskräftepotenziale

Derzeit umworben: Kinder, Senioren, Ingenieure

Kinder und alte Menschen haben in wirtschaftspolitischen Diskussionen Hochsaison. Mehr Bildung vom Kindergarten an soll hiesige die Wirtschaft mit global wettbewerbsfähigen Arbeitskräften versorgen. En vogue ist derzeit die Nachfrage nach Ingenieuren. Hofiert werden nach den Jahren des Arbeitsplatzabbaus derzeit sogar die lange als zu teuer und nicht mehr lernfähig diskreditierten älteren Mitarbeiter.

Bis vor kurzem stellten einige Firmen keine Mitarbeiter über 40 ein und spätestens ab 50 begann der Ausleseprozess. Gleichzeitig wurde das Renteneintrittsalter auf 67 hochgeschraubt. Angesichts einer längst bekannten demographischen Entwicklung und einer von der Wirtschaft durch Ausbildungsverweigerung mitverursachten Knappheit an Fachkräften lernen die Verantwortlichen im Zweireiher nun langsam um. Schon klagen sie über die hohen Ansprüche eines von Jobaspiranten getriebenen Arbeitsmarkts.

Dabei übersehen sie, dass die jungen Leute Rechnen gelernt haben. Angesichts der Weigerung der Unternehmer sichere Arbeitsplätze zu schaffen, wissen gerade Akademiker, dass sie (siehe die Zahlen oben) etwa 10 bis 15 Jahre Zeit haben, genügend Geld für ihren Lebensabend zusammenzuraffen. Wie von der Wirtschaft und angeblich christlichen Politikern gefordert, übernehmen sie Eigenverantwortung für ihre Zukunft.

Am frühesten mit ihrer Entlassung müssen jene rechnen, die momentan am meisten umworben werden: die technischen Fachleute. Anders als kulturabhängiges Know-how von Geisteswissenschaftlern sind deren Kenntnisse längst globalisiert. Sobald die Unternehmen ihre allenthalben betriebene Entnationalisierung umgesetzt haben, kann es ihnen gleichgültig sein, woher sie ihrer Arbeitskräfte nehmen – solange sie englisch können. Ist die IBM mit 80 000 Mitarbeitern allein in Indien noch ein US-Konzern? Nicht, dass es falsch wäre, Jobperspektiven für Menschen in allen Ländern zu schaffen, dennoch sei daran erinnert, dass Sozialisten, die Ähnliches schon im 19. Jahrhundert planten, als vaterlandslose Gesellen beschimpft wurden.

Den Standort schlecht reden

Derweilen wird der deutsche Standort weiter von der Wirtschaft schlecht geredet. In Zeiten von Quartalsbilanzen und der Orientierung an sprunghaften Shareholdern (deren technisches Know-how im Übrigen nicht hinterfragt wird) zählt nur das Ergebnis in absoluten Zahlen. Angeblich bilden wir viel zu wenig Ingenieure aus – einen weltweit hochrenommierten Studiengang, den gerade die Wirtschaft zugunsten von preiswerteren Bachelors oder Masters of Sciences hat abschaffen lassen. Obwohl hierzulande bezogen auf die Bevölkerungsanzahl mehr technische Fachleute ausgebildet werden als in den USA, Indien oder China beschimpfen uns vor allem die heimischen Lobbyisten als technikfeindlich. Negativ zu Buche schlägt auch unsere Neigung zur durchaus technisch begründeten Technikfolgenabschätzung. Dabei ist es gerade diese aus den Geisteswisschaften herrührende Nachdenklichkeit, die Deutschland eine Vorsprung beim jetzt weltweit boomenden Markt für ökologisch nachhaltige Techniken, die – in mehr oder weniger bewusster Anspielung auf die deutschen „Grünen“ – das globlale Markenzeichen „green“ trägt.

Die wirtschaftspolitische Mode propagiert bessere Bildung vom Vorschulalter bis zum raschen Uniabschluss als Heil für Gesellschaft und Wirtschaft und übersieht, dass Chancen bei Kids verpuffen, von deren „frei gestellten“ Eltern sie nichts als Resignation, bestenfalls das Ausschöpfen der Harz-IV-Möglichkeiten lernen können. Hartnäckig wehren sich alle potenziellen Geldgeber gegen die Senkung der Klassenstärken, sprich: gegen das teure Einstellen von Lehrern.