Nachhaltige Augenwischerei

Verdienen an den Armen

Als ob der Green-IT-Hype nicht schon genug nerven würde. Nun wird er auf Nachhaltigkeit ausgedehnt. Gemeint ist damit, dass Unternehmen ökologische und soziale Verantwortung übernehmen sollen. Eine Studie dazu jagt die andere und alle haben sie den gleichen Tenor: Tue Gutes und werde reich damit.

Daran ist im Grunde nichts auszusetzen. Dass es geht, belegt die eben vorgestellte Studie von Cisco und BT mit Dutzenden von Beispielen. Sie reichen von der 300 000 Dollar teuren BT/Cisco-Videokonferenztechnik, die den Reiseaufwand und damit Kosten- und CO2 spart bis hin zu TK-Konzernen (Telenor Norwegen, Grameen Telecom Bangladesch und die dazugehörige Bank), die armenFrauen in Bangladesch über Kleinstkredite mit Telefonen und Handys ausstatten und sie auf Kosten von Hilfsorganisationen zu Unternehmerinnen ausbilden lassen. Der Vorteil liegt auf allen Seiten: Die Frauen können sich ihren Lebensunterhalt verdienen, das Land bekommt eine TK-Infrastrukur, die Bank verdient an den Krediten, der TK-Unternehmer an den Telefonaten. Untersuchungen mit dem gleichen Tenor haben inzwischen so viele großen IT-Firmen in Auftrag gegeben, dass es nervt.

Besonders in Mode sind derzeit, Modelle zur Erschließung von finanziell prekären Schichten sowie von Ländern mit ausbaufähiger Infrastruktur. Für die Konzerne kommt nämlich hinzu, dass sie sich so neue Märkte erschließen und vertragliche Abhängigkeiten erzielen. Man denke hier an die ebenfalls gerne als Hilfe für arme Länder etikettierten Lieferungen von patentiertem (und oft auch  genmanipuliertem) Saatgut, das mit der Auflage angeboten wird, kein eigenes Saatgut mehr verwenden zu dürfen. Hier beginnt der Selbstbetrug der reichen Konzerne.

Unternehmen sind grundsätzlich nicht auf Wohltätigkeit und Ökologie ausgerichtet, sondern an Wirtschaftlichkeit. Solange das Unternehmen sich mit armen Käuferschichten neue Märkte erschließen kann und mit ökologischen Konzepten Strom und Reisekosten sparen kann, herrscht Friede, Freude, Eierkuchen. Aber wehe, die Margen sinken. Und die Margen sinken irgendwann immer, denn ein erfolgreiches Geschäftsmodell wird umgehend kopiert, so dass durch Konkurrenz Druck auf die  Preise (und oft auch die Qualität) ausgeübt wird.

Sobald jedoch die Rendite hinter den Erwartungen zurückbleibt, laufen Unternehmen und Geldgeber gern in Richtung lukrativerer Investitionen davon. Dann interessiert es wenig, was aus den Telefon-Ladies in Bangladesch wird, oder aus den Nokia-Mitarbeitern in Bochum. Auch führt aus ökologischer Sicht der Wettbewerb mit Produkten, die Bedürfnisse nicht stillen, sondern wecken (Internet-fähige Faxgeräte, Handy-TV) oft zur Verschwendung natürlicher Ressourcen. Ähnliches gilt für kostenoptimierte industrielle Fertigungsprozesse von Geräten (Fotoapparate, Rechner, Drucker), die so billig sind, dass sich reparieren nicht lohnt. Bezahlt werden die niedrigen Einkaufspreise durch Senken der Personalkosten und der Margen bei den Zulieferern.

Der Erfolg eines Unternehmens wird letztendlich an Wachstum und Gewinn gemessen. Solange das so ist, bleibt die – von Cisco und BT vorgeschlagene – Integration von Nachhaltigkeit in die Firmenrichtlinien notgedrungen nachrangig. Oft sind das nur werbeträchtige Lippenbekenntnisse, denn Konzerne neigen dazu, die Senkung des C02-Ausstoßes oder das Verbot von Ausbeutung einerseits durch Pflichtenhefte an Zulieferer und Dienstleister zu delegieren, deren Erfüllung aber sich selbst anzurechnen.

Untersuchungen, die belegen, dass Firmen, die die Nachhaltigkeit leben, ihren Wert auf lange Frist gesehen steigern konnten – etwa dank loyaler Mitarbeiter, treuer Kunden und dem über Jahre gewachsenen Vertrauen in die Marke, resultieren aus einem Blick in eine – vermutlich untergegangene –  Vergangenheit. Viele dieser bewährten Unternehmen setzen heute – getrieben von institutionellen Investoren, Aktionären und globaler Konkurrenz – auf das Abstoßen weniger lukrativer Geschäftsbereiche und die Eroberung neuer Märkte. Zu letzteren zählen derzeit ökologische oder zumindest stromsparende Konzepte sowie die Eroberung neuer Märkte in der Dritten Welt, wie das China in Afrika erfolgreich vorexerziert. Eine Rolle mag dabei spielen, dass die einst insbesondere für die IT-Industrie hoch lukrativen Großkunden, längst ganze Abteilungen von Betriebswirtschaftlern beschäftigen, die nichts anderes zu tun haben, als bei jedem Projekt die Kosten zu drücken. Das heißt nicht, dass Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit versagen müssen. Nur, genau so oft steht Nachhaltigkeit, den kurzfristigen Zielen entgegen. Wer das leugnet, der betreibt Selbstbetrug oder Augenwischerei.

Viele Beispiele berichten von Firmen, die Gutes tun und mit maßgeschneiderten Konzepten die Lage armer Menschen und Regionen verbessern. Ähnliches gilt für ökologische Projekte. Mut macht, dass die die Cisco-BT-Studie eine Reihe relativ neuer Projekte schildert. Auch der Staat kann mit gesetzlichen Rahmenbedingungen eine soziale und ökologische Marktwirtschaft fördern. Es bleibt zu hoffen, dass der momentane Energiespar-Boom und die Hoffnung auf die Märkte in den Ländern der Dritten Welt einen nachhaltigen Bewusstseinswandel bewirkt – nicht nur in der IT-Branche.

leicht gekürzt erschienen in ZDNet.de