Hamam

29. August 1980

Anstehen um Fahrkarten

Nach den gestrigen Erlebnissen haben wir sehr lange geschlafen und begannen den Tag mit dem Mittagessen. Es schmeckte wie bisher immer hervorragend, obwohl wir zum ersten Mal ein anderes Lokal als das Sultans Pub ausprobierten.

Danach fuhren wir per Bus zum Bahnhof, um erst Geld zu wechseln – was dort problemlos funktionierte – und stellten uns dann für Zugkarten nach Alexandropolis an. Drei Stunden warteten wir, um mit dem Ticket in der Hand zu erfahren, dass wir auch eine Platzkarte hätten kaufen müssen. Also dasselbe noch einmal. Doch am Schalter bedeutete man uns, dass wir nur am Tag der Fahrt reservieren könnten, also erst morgen früh.

Wir bekamen beim Anstellen reichlich Gelegenheit, den Beamten bei der Arbeit zuzusehen. Anders als bei unseren Bahnhöfen saßen hinten dem Mann am Schalter viele Leute in einem weitläufigen Raum. Jeder Arbeitsgang wurde schriftlich erfasst und musste mehrfach abgestempelt werden. Die Leute drinnen langweilten sich, während die draußen sich in Geduld üben mussten. Ein ähnlicher bürokratischer Aufwand wurde im Übrigen auch in den Banken beim Geldwechseln getrieben.

Es war schon später Nachmittag, als wir nach einem kurzen Imbiss (halbgares Hühnchen mit einem fantastisch schmeckenden Weißbrot) im Hotel eintrafen. Wir machten uns kurz frisch und zogen gegen 19 Uhr in Richtung türkisches Bad, sprich: Hamam. Auf den Weg dorthin kaufte ich mir noch die längst überfälligen Ledersandalen.

Baden auf türkisch

Im Hamam zahlten wir zuerst 90 Lira plus 10 Lira für die Seife. Daraufhin mussten wir die Schuhe gegen hölzerne Badeschuhe tauschen. Man drückte uns ein dünnes Handtuch in die Hand und schickte uns einen Stock höher zu den Umkleidekabinen. Es waren Zweierkabinen mit eine Art Nachtkästchen und zwei Arztliegen. Dort zogen wir uns aus und wickelten uns in die Badetücher, sperrten ab und stiegen wieder hinab.

Wir bekamen ein weiteres Badetuch überreicht und wurden durch eine niedere Türe in einen mit Stein – möglicherweise altem Marmor – ausgekleideten Raum gelotst, der zum Abfrischen nach dem Bad diente. Wir durchquerten ihn und kamen in den beeindruckenden Hauptraum, den eine Kuppel fast so hoch wie in einer Moschee überwölbte. Licht strömte aus Öffnungen, die konzentrisch in die Kuppel eingelassen waren. Fantastisch.

 Darunter befand sich ein flacher Marmorkegel, fast eine Scheibe. Sie ähnelte dem Teufelsrad auf dem Volksfest, bestand aber nicht aus Holz, und drehte sich auch nicht. Dafür wurde sie von unten beheizt.

Wir machten es den anderen nach und legten uns auf die Platte. Das tat gut, wirklich gut. Franz war (man staune!) sofort begeistert.. Wir lagen dort sicher eine halbe bis eine dreiviertel Stunde und beobachteten die anderen. Sie rieben sich gegenseitig ab, wuschen und massierten sich, machten gymnastische Übungen und alles meist zu zweit oder in Gruppen.

Als wir glaubten, genug geschwitzt zu haben, suchten wir einen der vielen Seitenräume auf, besser: eine der Nischen, die man durch türkisch-orientalische Durchgänge betrat – so niedrig, dass man sich bücken musste. Dort standen Becken aus Marmor und Hähne für kaltes und heißes Wasser. Wir kauerten uns rechts und links an das Becken, machten Wechselbäder mittels einer Schüssel, die dort stand und wuschen uns gründlich. Dabei achteten wir darauf, dass die Handtücher uns züchtig verdeckten, wie wir das bei den anderen Männern sahen. Offenbar verhielten sich türkische Männer untereinander recht prüde.

Sauber und erfrischt legten wir uns wieder in den Marmorkreis unter der Kuppel. Dort bemerkte ich, dass es Hamam-Angestellte, Hamods, waren, die die Gäste massierten und wuschen. Ich winkte einen von ihnen herbei und handelte einen Preis von 200 Lira (viel zu teuer) aus. Dafür brach er mir fast die Knochen und rieb mir mit rauen Handschuhen beinahe die Haut vom Leibe.

Schon während der Behandlung spürte ich, dass sie mir gut tat. Nach der Massage gingen wir wieder in eine der Nischen, wo er mich wusch: Der Hamam-Masseur begann mit Wechselbadern und schüttete dann Wasser in eine Leintuch mit Seife, schloss es und zog es durch seine Faust. Wie aus einem Zerstäuber schossen ganze Schaumwolken aus dem Tuch, Seifenschaum mit dem er mich sanft am ganzen Körper einseifte. Er rieb mich ab, massierte noch einmal die längst entspannten Muskel und „duschte“ mich schließlich aus Plastikeimern heiß und kalt ab.

Erfrischt und entspannt holte ich Franz von der runden Platte ab. Im Vorraum wurden wir von Kopf bis Fuß in Tücher eingehüllt, in die Umkleidekabine gebracht und mit Cay verwöhnt. So blieben wir noch eine halbe Stunde auf unseren Liegen und wären vor Wohlgefühl beinahe eingeschlafen. Dann verließen wir den Hamam, nicht ohne reichlich Bakschisch gegeben zu haben.

An der frischen Luft fühlten wir uns zu jeder Schandtat bereit. Allerdings hatten wir die Zeit vergessen, so dass Franz ein Verabredung am Hotel mit dem Taxifahrer vom Vortag verpasste, der ein paar Päckchen Tee mitbringen wollte. Also schauten wir auf ein Bier im Sultans Pub vorbei, wo wir einen bekifften Türken kennen lernten, der dort Bier trank und Shit rauchte. Vor ein paar Jahren hätte er in der Schweiz gearbeitet, um die Familie zu ernähren, jetzt sei sein Vater dran, so dass er es sich jetzt gut gehen lassen könne, ohne arbeiten zu müssen. So funktioniert das also …

Es war zirka elf als wir aufbrachen und im Hotelfoyer Yves trafen, der auf dem Zimmer noch diskutieren wollte, obwohl uns nach Hamam und Bier die Augen zu fielen. Amüsiert bekam ich noch mit, dass er in ein und demselben Arbeitsgang Obst und seinen Pimmel wusch.