Kultur …

Die Blaue Moshee


Auf dem Zimmer zog ich den eben erworbenen Gurt über meine Feldflasche und kritzelte – unzufrieden mit meinem Unvermögen – weiter an meiner Skizze der Blauen Moschee.

Kurz danach besuchten wird das Original, das ja direkt gegenüber lag. Für eine freiwillige Spende von 50 Lira durfte man die Moschee besichtigen, aber nur ohne Schuhe. Sie hat mir gefallen, aber leider wird sie gerade restauriert, und ist daher voller Baugerüste.

Man nennt sie übrigens Blaue Moschee, weil man sie einst zu Ehren des Besuches von Kaiser Willhelm II. in aller Eile mit einer untauglichen Farbe neu streichen ließ. Diese dunkelte unglücklicherweise rasch nach und erzeugte den bekannt-blauen Gesamteindruck. Für die im Gang befindliche Restaurierung wird eine bessere Farbe verwendet, die der Moschee ihr ursprünglich sehr lichtes Aussehen zurückgibt.

Blau angelaufene Kacheln an der Aussenseite (wenn ich mich recht erinnere) der Moschee.

Ein Führer erzählte auch noch etwas über die drei auffälligen Straußeneier, die von einer Kette des Hauptleuchters herabhängen. Ich habe aber leider nicht verstanden, was sie bedeuten.

Straußeneier kommen schon früh in christlichen Sakralbauten vor und spätestens seit dem 13. Jahrhundert auch in Moscheen. Sie verweisen auf durchaus unterschiedliche Allegorien über den Umgang des Straußes mit seinem Ei, die auf den Umgang der Menschen mit ihrem Glauben übertragen werden.

Eigenartig wirkt, dass die weiten kreisrunden Leuchter von einer über 40 Meter hohen Kuppel auf einheitlich 2,5 Meter gehängt wurden, wo sie ein Netz von Ampeln bilden, die heutzutage mit Strom eine Lichtdecke einziehen. Auffällig modern sind auch die Lautsprecher, die sich über den gesamten Innenraum verteilen.

Die Temperatur in der Moschee reguliert eine Art natürliche Klimaanlage. Unter dem Gebäude befindet sich ein große Zisterne, deren Wasser die Moschee im Sommer kühlt und im Winter Wärme abgibt. Ausgesprochen bemerkenswert fand ich die verwickelten Ornamente und die glasierten Kacheln, von denen es hier zehntausende gibt und die mit komplizierten meist blauen Mustern geschmückt sind.

Im Hof der Moschee hatten wir übrigens unser gestriges Abenteuer mit dem Schuhputzer erlebt.

 

Die Hagia Sophia versteckt sich hinter Grün

Nächste Station war die Hagia Sofia, seit Atatürk ein Museum. Der Eintritt betrug 30 Lira ohne und 60 Lira mit Fotoapparat. Franz hat sich um die Kosten gedrückt und ist dafür wegen Fotografierens in einer „Moschee“ gerüffelt worden.

Die byzantinische Basilika wurde ungefähr um 330 nach Christus erbaut und ist voll römischer Elemente. Säulengänge, wuchtige Tore und Türen, eine frühe Verquickung abendländisch-eckiger und orientalisch-runder Formen. Von der einstigen byzantinischen Pracht ist kaum mehr etwas zu sehen. Die Hagia Sofia wirkt leer und wuchtig, wie ein Bollwerk der Christenheit. Die angeblich flachste Basilika-Kuppel, bis heute ein architektonisches Meisterwerk, unterstreicht diesen Eindruck eher, als Leichtigkeit und Raum zu schaffen, wie das Kuppeln sonst tun.

Ein Marmorrelief über dem Hauptportal, ungewöhnliche Engelfragmente in einer Ecke und Mosaiken von Bischöfen oder Aposteln erinnerten an den ursprünglich christlichen Verwendungszweck. Außerdem sieht man noch goldglänzenden Mosaikreste an der Decke. Dennoch bleibt der Eindruck insgesamt orientalisch – schon wegen der alles beherrschenden runden Schrifttafeln, auf deren schwarzen Grund in Gold die Namen der vier ersten Kalifen gemalt wurden. Auch die zwei ersten muslimischen Märtyrer werden so geehrt. An der Stirnseite kommen noch der Name Allahs und seines Propheten Mohammed dazu.

Ich kenne den Namen des Propheten nicht, der hier in der Hagia Sophia geehrt wird.

Die Tafeln stammen aus dem 18. Jahrhundert. Kleinere Tafeln, die als Vorlage gedient haben sollen, sind in Zweierreihen über dem Hauptaltar angeordnet, der ursprünglich – wie der Bau insgesamt – nach Jerusalem ausgerichtet war. Muslime beten aber nach Mekka, so dass die Neuausrichtung nach der Eroberung zu einer eigenwilligen Asymmetrie im Kopfteil der Hagia Sofia führte.

Am Rande erwähnte der Führer, dass Türkisch eine eigene, nicht-arabische Sprache ist. Die arabische Schrift habe Atatürk abgeschafft, weil kaum jemand sie lesen und noch weniger Türken sie schreiben konnten. Das sei mit lateinischen Buchstaben einfacher. 

Da ich wenig von der türkischen Kultur wusste, nahm ich all die meisten Informationen recht unkritisch auf. Viele Details stammen von den möglicherweise nicht ganz zuverlässigen Führer, die den Touristen die Stadt für wenig Geld zeigten. Zudem habe ich das Gehörte aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Nach den mir vorliegenden Fotos lassen sich weder das erwähnte Marmorelief noch antike Säulengänge nachvollziehen. Auch die Auskunft, die kleineren Tafeln seien Vorlagen für die größeren erscheint mir suspekt. Die umfangreiche Tagebuchschilderung sowohl der Blauen Moschee wie auch der Hagia Sofia, zeigen jedoch, wie beeindruckt ich war.

Es ist noch ein Detail zur Hagia Sofia nachzutragen. Dort gibt es ein paar heidnisch-antike Säulen, zwei davon wurden der Artemis geweiht. Unter einer Dritten soll eine Frau Zwillinge, eine andere Vierlinge, geboren haben, so dass viele junge Frauen hoffen, durch Berühren der Säule einen Teil der Fruchtbarkeit auf sich übertragen zu können. Auf diese Weise wurde trotz der Goldummantelung bereits ein zweifingerbreites, tiefes Loch abgerieben.  Wieder im Freien erholten wir uns bei einem Glas Cay.

Der Palast

Danach brachen Franz und ich zum Sultanspalast und zum Harem auf. Wir waren schon sehr spät dran, so dass nur den Harem, das Waffenmuseum mit den Schwertern Mohammeds und Achmed el XXX zu sehen bekamen sowie das Uhrenmuseum, das Franz am ehesten imponierte.

In der Niederschrift sind die Namen nicht mehr eindeutig zu lesen. Plausibel wäre es, wenn es sich um die Schwerter von Mehmet II, dem Eroberer Konstantinopels und von Sultan Ahmed handeln würden. Letzterer war Bauherr und Namensgeber der Blauen Moschee, beziehungsweise der Sultan-Ahmed-Moschee. Aus heutiger Sicht argwöhne ich sogar, dass der tumbe Tor, der ich damals war, Mohammed und Mehmet für den gleichen Namen gehalten habe. Ich hatte ja nicht einmal den Namen des Topkapi-Palastes gemerkt.

Franz nervte, weil er sich für nichts hier richtig begeistern wollte. Weder konnten ihn Thronsaal und die Bibliothek beeindrucken, noch die fantastische Kachelung an den Wänden. Er behauptete, dass ihm die europäischen Schlossanlagen besser gefielen. Vielleicht liegt es daran, dass hier alles ein wenig verwinkelt ist, und viele Gebäude auf engem Raum zusammengedrängt wurden. Aber so lebte man wohl früher am istanbuler Hof.

Übrigens haben wir im Schloss zwei Münchner Mädchen kennen gelernt, denen es in Istanbul so gut gefiel, dass sie noch einige Wochen bleiben wollten. So toll fand ich es hier dann doch wieder nicht.

Nachdem uns der Guide mit einer unglaublichen Geschwindigkeit durch den Topkapi-Palast geschleust hatte, erholten wir uns im Park vor der Blauen Moschee. Dort sprachen uns zwei türkische Studenten an, die sich als überzeugte Kommunisten ausgaben. Mit ihnen diskutierten wir über die verschiedenen Regierungssysteme in West- und Ostdeutschland, der UdSSR, Amerika und in der Türkei. Ihr Ziel war es hier die Revolution herbeizuführen, wenn nötig mit Gewalt. Diese Bereitschaft unterstrich einer der beiden, indem er mit einer Pistole herumfuchtelte.

Tatsächlich kam es dann ja wenige Tage später zu dem Putsch am 12. September 1980, der aber eher von rechts durchgeführt wurde und für Menschen mit linker Gesinnung wenig Gutes brachte. Was wohl aus den Revolutionären geworden ist?