Von istanbul nach Alexandropolis

30. und 31. August 1980

Galatabrücke, von Asien aus gesehen


Vormittags schliefen wir wieder viel zu lange. Um elf hatten wir gepackt und das Taxi für drei zum Bahnhof bestellt. Dort stellten wir uns für die Platzreservierung an, jeder für eine halbe Stunde, so dass zwei von uns immer frei waren. Zuerst marschierte ich mit Yves los, um in einem kleinen Basar gegenüber Wasser für meine Feldflasche zu erstehen. Ich füllte sie mit einem Gemisch aus Cola, Limo und Mineralwasser. Außerdem aß ich dort ein Käsesandwich, genauer einen nicht getoasteten Käsetoast. Zu mehr reichte die Zeit nicht.

Zurück im Bahnhof traf ich die beiden Mädchen vom Schloss wieder, die um Karten nach Thessaloniki anstanden. Ich hielt ein kurzweiliges Schwätzchen, bis mich Yves ablöste. Eine halbe Stunde später erfuhren wir vonYves, dass es keine Platzreservierungen mehr gäbe. Wir entschlossen uns trotzdem heute zu fahren, sperrten unser Gepäck ein zogen in die Stadt. Yves sah sich die Holzhäuser an, während wir mit einem Liniendampfer auf die asiatische Seite fuhren.

Abschied von der Stadt

Außer einem lebhaften Markt bekamen wir dort allerdings nicht viel zu sehen. Erwähnenswert ist allerdings der Typ mit blond gefärbten Haaren, hinten kurz, vorne lang. Dazu trug er ein blaues Safarihemd, ausgewaschene Jeans und Turnschuhe. Mit einem gräßlichem Kauderwelsch machte er auf Ami-Soldat. Was er damit bezweckte, wollte ich gar nicht wissen.

Gerade erst hatte ein harmlos wirkender Türke versucht, uns das Geld mit der Frage aus der Tasche zu locken, ob auf unseren Geldscheinen Helmut Schmidt zu sehen sei. Und Yves hatte erzählt, dass er am Vortag 200 Francs „verloren“ hatte, als er am Straßenrand Geld wechseln wollte. Meine Laune litt zudem stark unter heftigen Kopfschmerzen, die mich wohl des ständigen Windes wegen befallen hatten.

Auf dem Rückweg über die Galata-Brücke trafen wir die Mädchen vom Bahnhof wieder. Wir erzählten, dass wir über die Ägais nach Athen wollten und sie gaben uns eine Kontaktadresse:

Athen,
Anette Ober,
Post Restante


Außerdem empfahlen sie uns unter der Brücke zu essen – ein Vorschlag, den wir sofort aufgriffen. Das Shish-Kebab war zwar nichts besonderes, dafür aber das Lokal unter der vom Publikum zitternden Brücke mit dem Ausblick auf den Bosporus.Nach dem Essen schmauchten wir an einer Wasserpfeife, wodurch meine Kopfschmerzen leider heftiger wurden.

Ich erinnere mich heute weder an den Möchtegern-Amerikaner, noch daran dass uns die Mädchen ihre Athener Postfachadresse gegeben haben. Überhaupt ist mir der scheinbar lockere Umgang mit diesen Mädchen höchst verdächtig. Damals neigte ich dazu, mich in jedes weibliche Wesen zu verlieben – und immer unglücklich. Insofern ist es höchst wahrscheinlich, dass sie uns/mich mit dieser angeblichen Adresse loswerden wollten. Woran ich mich mit abenteuerlichen Prickeln erinnere ist, die Frage des Kellners, ob wir in die Wasserpfeife Tabak haben wollten, oder etwas „Richtiges“. Diese Frage verringerte dramatisch die Weltläufigkeit, mit der ich Ägypten-Veteran Franz beeindrucken wollte. Der kalte Rauch der Shischa wurde von der Phantasie einer Opiumhöhle glatt ausgestochen.

Von Istanbul …

Am Bahnhof stellte sich heraus, dass ich den Gepäckschein für meinen Rucksack verloren hatte. Ich bekam ihn aber trotzdem. Yves war auch schon da und half noch schnell einem englisch-italienischen Pärchen mit seinen letzten Lira aus der Patsche, bevor wir in den Zug stiegen. Dort fanden wir problemlos ein Abteil für uns allein – wir mussten allerdings jeder 80 Lira nachzahlen. Das Anstehen für Platzkarten war also völlig unnötig gewesen.

Später kamen noch ein Deutscher, ein Österreicher und ein Algerier mit irakischem Pass, der in Bagdad Touristik studierte, dazu. Der Österreicher war ein Urviech. Er hatte als Rentner der österreichischen Bahn ein Freiticket und war schon seit Juni auf Weltreise. Von ihm erfuhren wir, dass die Türken am 30. August den Siegfrieden über die Griechen feierten. Das erklärte die Paraden und die vielen ordensgeschmückten Veteranen, die wir in der Stadt gesehen hatten.

Leider bekam ich von seinen Erzählungen und der Fahrt nicht viel mit, weil das Kopfweh immer schlimmer wurde. Dreimal musste ich mich übergeben. Ich kroch in den Gepäckraum über der Abteiltür und ließ mich vom ratternden Zug einschäfern. Sogar die Kopfschmerzen ließen langsam nach.

Kopfschmerzen, heftige Migräneanfälle plagen mich von Kindesbeinen an. Lange suchte ich für Ursachen dafür – eine Suche, die mich in die Nähe von Hypochondrie führte. Zug, kalter Regen und zu viel Alkohol gehören zu den äußeren Ursachen. Doch bei Kummer und Stress kann schon ein Glas Bier zu viel sein. Migräne ist eine Flucht aus der Welt, die ich wohl schon als kleines Kind meiner Mutter abschaute, die ähnlich auf Überforderung reagierte. Das bedeutet nicht, dass die Migräne nicht echt wäre. Sie ist so echt, dass sie  zu Übelkeit und Erbrechen führt, aber auch zu Verspannungen, die die Migräne auf Wochen ausdehnen können. Von all dem ahnte ich damals wenig, so dass ich den erfrischenden Istanbuler Wind für alles verantwortlich machte.

Istambul, Blick vom Liniendampfer aus in Richtung Schwarzes Meer.


31. August 1980
… nach Alexandropolis

Als wir aufwachten, stand der Zug an der griechischen Grenze. Dort wurdn unsere Sachen durchsucht, wobei ich meine Messer verstecken konnte. Das eine im Schlafsack entging dem Grenzer beim Abtasten. Das andere konnte ich verbergen, indem ich es umfasste, als ich dem Beamten den Rucksack aufhielt, damit er darin wühlen konnte.

Warum ich wohl Angst hatte, das Messer würde die Grenzer beunruhigen?

Daraufhin gingen Franz und ich ins Bahnhofsgebäude um feierlich unseren ersten griechischen Kaffee zu schlüfen. Dort trafen wir den Deutschen aus dem Abteil und erzählten ihm, dass sein Gepäck gerade gefilzt wurde.

Hitlerdeutschland und die Philosophie

Auf dem Rückweg sahen wir, dass von dem langen Zug nur noch unser Waggon übrig geblieben war, der einsam auf dem Abstellgleis auf eine Lok wartete. Wären nicht die Grenzer gewesen, hätten wir glauben können, man habe uns vergessen. Heftige Erschütterungen zeigten bald an, dass es weiter gehen sollte. Bis nach Alexandropolis dauerte es allerdings noch gute drei Stunden, in denen uns der Österreicher mit Kriegserinnerungen unterhielt. Vor allem machte er keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen höhere Dienstgrade aus Norddeutschland.

Das Thema führte rasch zu Diskussionen über die Ursachen, die zu Hitlerdeutschland geführt hatten. Yves dozierte viel über die faschistische Szene in Frankreich. Schließlich führten wir noch unsere philosophisch-utopische Diskussion von der Hinfahrt fort. Yves bestand darauf, dass derzeit vor allem in Frankreich philosophisch den Ton angebe und gab mir Buchtipps zur dortigen Situation:

- Lefèvre. La vie quotidienne dans le monde moderne, 1960 (NFR) Gallimard,
- Les Situationistes 1958 suivres (linke philosophische Bewegung)
- Rimbaud, Lautrément, Baudelaire, poétes maudits,
- Utopistes, commes Fourier;
- nachdrücklich empfahl er de Sade.
- Raoul Vaneigen, Traité de savoir vivre à l‘usage des jeunes générations 1967 Gallimard
- Guy Debord, La société du spectacle 1967


Besonders spannend schilderte er das Buch eines italienischen Kommunisten über die kapitalistische Welt. Es klang absolut spannnend, doch der Titel ging unter, weil wir aussteigen mussten, während Yves weiterfuhr.

Ausstieg

Begrüßt wurden wir in Griechenland von drei Wildschweinen, die gestapelt vor unsere Tür lagen und an denen wir vorbeiklettern mussten. Zuerst suchten wir uns eine Übernachtungsgelegenheit zu 300 Drachmen für das Doppelzimmer.  Dann …

begann eine andere Geschichte