3. Tag: … und beinahe Sex

Bauchtanz

Danach fuhren Franz und ich per Bus zum Taxim-Platz, um uns dort prompt von zwei Burschen zu einem Nachtclub abschleppen zu lassen. Einer von ihnen sprach sehr gut deutsch und versprach nicht nur Bauchtanz, sondern auch „gute Frauen für nur 500 Lira“ (ca. 40 Mark). Sie führten uns durch eine Reihe dunkler Straßen zu einem mehrstöckigen Wohnhaus, in dessen Keller das „Monaco“ untergebracht war.

Kaum hatten wir Platz genommen, setzten sich zwei Animierdamen zu uns. Eine war bis zum Bauch recht hübsch, die andere, eine wahre Lokomotive walzte auf mich zu. Ich wurde drangsaliert, musste tanzen, wurde geküsst und sollte ihre enormen Brüste bewundern und betatschen. Sie stopfte mir Weintrauben in den Mund, griff mir ständig zwischen die Beine und begann von „Sickischi“ beziehungsweise von „Ficki-Ficki“ zu reden. Bei Franz lief es eher umgekehrt. Er ging der Dame wohl eher schon zu weit.

Misstrauisch machte uns erst, dass die Mädchen ungeheuer viel tranken. Sie hatten schon fünf Cola, als wir unser zweites (kleines) Bier bestellten. Außerdem bekamen sie mit jedem Getränk einen Jeton.

Wir verlangten die Rechnung, auf der ein Betrag von unglaublichen 11300 Lira stand. Am Tresen diskutierten wir den Betrag lautstark mit dem Wirt, drohten mit Polizei und fragten zu seinem Mißvergnügen Gäste nach den realen Preisen. Der Wirt versuchte uns daher in sein Büro zu lotsen, aber wir weigerten uns.

Franz war in diesen Dingen viel geschickter wie ich. Er handelte den Wirt auf 6000 Lira herunter. Ich hätte gern bezahlt, nur um wegzukommen, aber Franz gab nicht auf. Schließlich legten wir 1500 Lira auf den Tresen und machte uns davon. Glücklich und vergnügt über unser Abenteuer schlenderten wir zur Bushaltestelle und fuhren zurück zum Hotel.

Die Zahlen sind wieder höchst verwirrend. Wenn ich nachrechne hätten die 11300 Lira rund 1200 Mark ausgemacht, bezahlt haben wir dann rund 130 Mark. Nach einer Randnotiz im Tagebuch waren es aber 230 Mark.

Vor allem aber verblüfft mich, dass ich damals ein Detail mit keinem Wort erwähnte, das ich später immer wieder erzählte. Nach meiner Erinnerung haben wir die 1500 Lira auf die Theke gelegt, sind dann rasch über den Kellergang zur Treppe geeilt. Als wir diese erreichten, merkten wir, dass uns jemand im Laufschritt folgte und wir sind daraufhin losgeflitzt und in das Dunkel der Gassen gelaufen. Bei unserer ersten Rast meinte Franz in der Hand des Verfolgers ein Messer blitzen gesehen zu haben. Erst am Taxim-Platz entspannten wir und machten Scherze über das Abenteuer. Wie war es wirklich? Wollte ich mich später einfach nur wichtig machen, und habe dann angefangen meine eigene Lügengeschichte zu glauben? Aber zum Anggeben hätte die Geschichte auch ohne Messer gereicht – zumal diese Nacht noch mehr für uns auf Lager hatte.



Die Blaue Moschee in Nachtbeleuchtung

Bordelle und Gewehre

Vor dem Hotel trafen winkte uns der Franzose, von dem wir inzwischen wussten, dass er Yves hieß, in ein Taxi. Er drehte sich vom Beifahrersitz zu uns um und erklärte. Er wollte ins Bordell fahren, ein sehr gutes Haus und besonders preiswert. Und zu Dritt würde auch die Fahrt dorthin erschwinglich, über deren Preis er gerade verhandelte. Nach langem Zögern kamen wir mit.

So weit ich mich erinnere, überzeugte Yves uns mit dem Argument, dass man in dem Bordell auch einfach nur ein Bier trinken könnte, zu dem er uns einladen wolle. Er würde derweil „nach oben“ gehen. Die Möglichkeit eines erotischen Abenteurs ohne Zwang lockte Franz und mich ganz offensichtlich. Außerdem waren wir neugierig, ob die Damen dort hübscher aussahen, als die eben erlebten. Zudem gab uns die von Yves zur Schau getragene Vertrautheit mit dem Milieu Sicherheit. Meine Fantasie war so angeregt, dass sich mir noch heute die – zugegebenermaßen stereotypen – Bilder einer in roten Plüsch gehaltenen Bordell-Bar mit spärlich in Wäsche gekleideten Frauen aufdrängen.

Wir fuhren weit über eine Autobahn aus der Stadt hinaus und hielten vor drei Bordellen, aber überall fand gerade eine Razzia statt. Aus dem Taxi heraus sahen wir Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten aus Lastwagen springen und Leute aus den Häusern jagen. Der Taxifahrer wollte nicht aufgeben und fuhr von einem Bordell zum nächsten.. Glück und sein Geschick verhinderten, dass wir verhaftet wurden. Seine Erklärung: Die korrupte Polizei wolle wohl mehr Geld von den Bordell-Betreibern erpressen Tarifverhandlungen nannte er es. Schließlich gab er auf und lud uns zur Entschädigung auf einen Cay am Ufer ein.

Aus dieser Szene hätte ein halbwegs begabter Autor viel mehr machen können …

Auf der Rückfahrt über die Uferstraße wurden wir von Männern in Straßenanzügen aufgehalten, die Maschinen-Gewehre trugen und die Mündungen durch das heruntergedrehte Fenster steckten. Der Taxifahrer erklärte ihnen, das wir deutsche Touristen seien, woraufhin wir weiterfahren durften. Auf unsere Frage, wer das gewesen sei, meinte er schulterzuckend: „Vielleicht Polizisten, vielleicht Gangster.“ Wir erreichten das Café am Bosporus, wo der Taxifahrer uns den versprochenen Tee holte. Wir tranken ihn ans Auto gelehnt und der Fahrer erzählte von seinem Asylgesuch, dass er in der BRD-Botschaft eingereicht hatte.

Die Beschreibung ist platt. Dabei war ich unendlich beeindruckt, – bin es in der Erinnerung immer noch. Weder das gleißende Licht in der Stadt, noch das friedlich-bunte Gewurle werden beschrieben und auch nicht die faszinierenden Lichtreflexe, die weit nach Mitternacht auf den Wellen des Bosporus tanzten. Die Nacht war fast sternenlos dunkel.Samtene Dunkelheit, wie sie nur in den südlichen Ländern alles Unwesentliche verschlingt, auch die warmen Lichter aus der Teestube. Stille umfing uns, die kein startender Laster stören konnte und ein wohlig-erregendes Gefühl erfüllte mich, eine Ahnung, vielleicht eine Sehnsucht. Den anderen schien es ähnlich zu gehen. Nichts hätte uns jetzt noch aus der Ruhe bringen können.

Als wir über eine mehrspurige Straße wieder in die Stadt kamen bremste der Fahrer plötzlich ab, blendete ein paar Mal auf und schlich im Schritttempo an einem Polizei-Jeep vorbei, der am Straßenrand parkte. Wer das nicht täte, so die Erklärung, riskierte beschossen zu werden. Täglich seien in Istanbul 100 Menschen auf diese Weise zu Tode gekommen.

Beim Hotel, das längst geschlossen hatte, stiegen wir aus Es gelang uns jedoch, den Portier durch lautes Klopfen und mehrfaches Bitten an die Tür zu locken. Er ließ uns zwar ein, wollte uns den Zimmerschlüssel aber nur gegen ein Bakschisch von 100 Lira aushändigen. Nach nervigen Verhandlungen, bei denen wir uns als die Stoischeren erwiesen, gab er auch ohne Entlohnung nach, um wieder seine Ruhe zu bekommen.