Streifzüge und fragwürdige Angebote

27. August 1980

Die blaue Moschee, richtiger: Sultan-Achmed-Moschee, 1980

Unser erstes nennenswertes Erlebnis ergab sich beim Bummeln durch die nähere Umgebung. Ein älterer Herr sprach uns auf deutsch an: Woher wir denn diese hervorragenden Schuhe hätten, die viel besser seien als die türkischen. (Wir trugen ganz normale Tennisturnschuhe.) Was, wir kämen aus München? Dort sei er lange an der türkischen Botschaft angestellt gewesen …

Tatsächlich bewies er große Ortskenntnis in Bezug auf München. Aus Freundschaft zu dieser Stadt wolle er uns zu einem Tee einladen. Er führte uns um einige Hausecken in sein Teppichgeschäft. Dort servierte er uns tatsächlich Tee, bevor er mit seinem eigentlichen Angebot herausrückte. Wenn wir ihm jeder einen Teppich abkauften, werde er uns zu einer tollen Nacht in seinem „Restaurant“ verhelfen. Dort würde Bauchtanz geboten und Striptease, Sekt und bestes Essen – alles auf seine Kosten. Wir bräuchten, wie gesagt, nur jeder einen Teppich zu kaufen.  Für uns kam das nicht in Frage. Er hatte wirklich sehr schöne Teppiche, aber keinen unter 300 Mark. So viel konnten wir uns nicht leisten, außerdem verstanden wir nichts davon.

Trotz der Faszination, die die Teppiche auf uns ausübten, rissen wir uns los und setzten unseren Stadtbummel in Richtung Meer fort. Dort suchten wir die Holzhäuser, von denen wir gehört hatten und die einfach toll aussehen. Laut Franz stammen sie aus osmanischer Zeit, obwohl ich immer geglaubt hatte, sie seien spätbyzantinisch.

Holzhäuser in  Istanbul, 1980

Natürlich hatte Franz Recht. Ich habe mir schon unwahrscheinlichstes Zeug zusammengereimt, und mich damit nicht selten in Schwierigkeiten gebracht oder mich zumindest als Angeber geoutet. Was die Holzhäuser betrifft, so hatte ich vor unserer Reise genau ein Buch über Istanbul, genauer: über Konstantinopel gelesen, nämlich Mika Waltaris „Der dunkle Engel“, ein Rom
an über die Eroberung der Stadt. Dort kamen genuesische Händler vor, die in edel ausgestatteten Holzhäusern residiert haben sollen. Meine Fantasie hat einfach ignoriert, dass hölzerne Gebäude keine 430 Jahre halten. Auch hätten mich die reichen Schnitzereien eines anderen belehren können, die ich ähnlich von historischen Bürgerhäusern in Kairo kannte.

Am Meer angekommen, schlug uns eine steifer Brise um die Ohren. Wir froren sogar ein wenig. Dort folgten wir den alten Stadtmauern, denen man teilweise ihren römischen Ursprung ansah, bis zum Bahnhof. Sobald als möglich bogen wir jedoch links ab, und suchten in einem Park Schutz vor dem kalten Wind. Auf dem Weg zum Hotel mussten wir eine große Zahl von Soldaten passieren, die mit ernster Miene und aufgepflanzten Bajonetten irgendetwas Wichtiges zu bewachen schienen.

Erschöpft schleppten wir uns ins Hotel, wuschen uns, zogen uns für das Abendessen im Sultans Pub um. Es schmeckte, war aber nicht sehr üppig; reichte aber, um unsere Lebensgeister wieder zu wecken. Und so brachen wir in Richtung Galata-Brücke auf. Jenseits davon, im asiatischen Teil der Stadt, sollte sich das Nachtleben der Stadt abspielen.

Die Brücke und der Weg zu ihr waren von Händlern gesäumt, die herrlich vielstimmig und lauthals Obst, gebratenen Fisch und Shishkebab feilboten, um gegen den Lärm der knatternden und stinkenden Busse anzukommen. Derweil ging scheinbar unbeachtet und doch unübersehbar-spektakulär die Sonne unter. Auf der anderen Seite des Bosporus schien dagegen nicht viel los zu sein. Bei einem Straßenhändler erwarb ich ein deutschsprachiges Exemplar von „Sputnik“, ein kleinformatiges Propaganda-Magazin der UdSSR. Es lockte mit einem ausführlichen Bericht über die vom Westen boykottierten Olympiade in Moskau.

Mit keinem Wort wird dagegen in dem Heftchen – das ich noch besitze – der Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan erwähnt, der zum Olympia-Boykott des Westens führte. (Allerdings nahm meiner Erinnerung nach ein westdeutscher Reiter als Einzelteilnehmer daran teil.) Für mich persönlich hatten die Moskauer Olympischen Spiele eine besondere Bedeutung. In einer für mich typischen idealistischen Selbstüberschätzung hatte ich mich zuvor zwei Jahre lang auf eine Teilnahme als Einzelteilnehmer im 5000-Meter-Lauf vorbereitet. Als ich endlich auf die Idee kam, meine Erfolge kontrollieren, merkte ich zum einen, dass meine Zeiten im Vergleich zu bayerischen Leichtathletinnen ganz passabel waren, zum anderen aber, dass es diese Disziplin für Männer gar nicht gab.

Fasziniert haben mich auch die Artikel über die kurz bevorstehende Ablösung des Erdöls durch Wasserstoff als Energiequelle. Der Autor schwärmt vom Kernreaktor im Kofferraum eines Lada – eine Idee, die zehn Jahre nach Tschernobyl wieder Urstände feiert. Verblüfft las ich auch den Beitrag darüber, was ungeborene Kinder bereits im Bauch der Mutter wissen, und wie man sie schon dort unterrichten und an einen festen Tagesablauf gewöhnen kann.  Enttäuscht war ich dagegen darüber, dass das politische Hauptereignis dieser Tage, der Streik der polnischen Solidarnosz nicht vorkam – nicht vorkommen konnte, weil es ihn zum Redaktionsschluss der Juli-Ausgabe von Sputnik noch nicht gab, aber was wusste ich damals schon von Redaktionsschlüssen …

Als die Straße immer leerer wurden, entschlossen wir uns den Männergruppen zu folgen, die nach rechts abbogen. Schon bald sahen wir in einer hell erleuchteten Seitenstraße ganze Trauben von Männern, die sich vor Schaufenstern drängelten. „Hier muss was los sein“, dachten wir, traten näher und waren platt! Das war ein Puff.

Mehr oder minder nackte Frauen produzierten sich in Schaufenstern, deren gekachelter Boden und Rückwände an Metzgereien erinnerten und deren Neonlicht ihnen nicht gerade schmeichelte. Dort standen oder saßen sie und ließen sich von den Männern anglotzen. Eine ganze Straße voll solcher Schaufenster und jedes der Häuser war überdeutlich nummeriert, mehr als dreißig waren es. Frauen von 15 bis über 50 Jahren boten sich an, die meisten hässlich oder dick. Nur zwei oder drei sahen so aus, dass ich mich mit ihnen ins Bett gewagt hätte.

Es war ein verrücktes Erlebnis und wir haben noch viel darüber gelacht, vor allem mit dem Franzosen, den ja schon im Zug die Bordellpreise interessiert hatten. Da wir nicht mehr hofften, hier eine uns passende Nachtbar zu finden, zogen wir über die Galata-Brücke und den Bahnhof wieder in die Gegend unseres Hotels. Dort sollte es eine Nachtbar mit Bauchtanz geben. Wir wagten uns aber nicht hinein, stromerten noch ein wenig herum und trollten uns dann aber doch in unser Zimmer zurück, wo ich vor dem Einschlafen noch den märchenhaften Ausblick auf die beleuchtete Blaue Moschee genoss.