Ankunft in Istanbul

27. August 1980

Gegen eins kam (in Fahrtrichtung) rechts von uns das Meer in Sicht. Jetzt konnte es nicht mehr weit sein. Die Vorboten einer Großstadt nahmen zu. Wir sahen gepflegte Straßen und vor allem viele Soldaten. Immer öfter tauchten kleine Orte voller Neubauten und S-Bahn-ähnlichen Bahnhöfen auf. Im Hintergrund das Meer – düster und recht bewegt. Endlich fuhren wir in die Stadt und den Kopfbahnhof ein.

Im Bahnsteiggetriebe verloren wir unseren Franzosen, dessen Namen wir immer noch nicht kennen, aus den Augen. Also machten wir uns zu zweit auf die Suche nach dem Hotel Güngör, das uns Michael (ein Mitschüler) empfohlen und auf der Karte eingezeichnet hatte – allerdings nicht ganz richtig. Einer der Soldaten, von denen es hier nur so wimmelt, kannte allerings das Sultans Pub, das gleich neben dem Gümgör liegen sollte, und es auch tat.

An der Rezeption des Hotels stand zu unserer Überraschung bereits der verloren geglaubte Franzose an. Unser Eintreffen gab ihm die Möglichkeit für uns drei ein 4-Mann-Zimmer zu 200 Lira je Person und Nacht auszuhandeln. Wir planten zwei Übernachtungen. Das machte 400 Lira oder ungefähr 38 Mark.

Was die Währungsumrechnung betrifft, sind meine Unterlagen unzuverlässig. Das beginnt schon damit, dass ich in meinem Reisetagebuch immer über Dinar- anstatt über Lira-Beträge schreibe. Das mag daran liegen, dass mich Istanbul am ehesten an Yugoslawien erinnerte, wo ich als Zwölfjähriger mit meinen Eltern im Urlaub war und das ich gerade erst in den Pfingstferien (unmittelbar nach den Abiturprüfungen) mit Freunden auf der Reise nach Griechenland durchquert hatte. Man möchte vermuten, meine Griechenland- oder Ägypten-Erfahrungen würden besser zur Türkei passen, aber auch heute noch finde ich den Yugoslawien-Vergleich recht treffend, insbesondere wenn ich an Dubrovnik denke.

Aber zurück zur Lira:  Kompliziert wird die Nachvollziehbarkeit meiner Angaben auch, weil uns die Istanbuler ständig übers Ohr gehauen haben. Nach einem Erlebnis in einer Bank drängte sich der Verdacht auf, dass auf der Straße die D-Mark in der Regel um die Hälfte des offiziellen Werts gehandelt wurde. Ich kann aber nicht ausschließen, dass ich mich in alle Richtungen verrechnet und mich dadurch selbst verwirrt habe.


Das Hotel war nach europäischen Maßstäben beschissen. Im Zimmer stinkt es gewaltig und es gibt weder einen Schrank noch irgendeine Ablage. Es ist in knalligem Himmelblau gestrichen, das malerisch von den Wänden bröckelt.  Von den zwei großen Fenstern ist eines ganz und das andere halb von den beiden Zweistockbetten verdeckt. Die Matratzen sind aufgerissen und die Bettbezüge grau und muffig. Dafür leuchten die Kissen in grellem Gelb und sind mit Rüschen verziert. Von einem geschmacklosen Stuckornament an der Decke baumelt eine Glühbirne.

Neben dem Waschbecken ragt ein Haken für unsere Handtücher aus der Wand, darüber „prangt“ ein halbblinder Spiegel, dem das obere linke Eckstück fehlt. Aus einem runden Loch daneben stehen zwei Drähte hervor: Die Steckdose. Franz und der Franzose haben sie erprobt. Während einer den Kontakt aufrecht erhält, kann sich der andere rasieren.

Fantastisch ist dafür der Ausblick auf die Blaue Moschee, der sich zu einem genialen Stadtrundblick weitet, wenn man durch das Fenster auf den schmuddeligen Balkon klettert. Dann sieht man auch die Hagia Sofia, Parks und in der Ferne den Bosporus. Ich habe sofort die ein Stück Zeichenkohle rausgeholt und ungeschickt versucht, die Minarette zu skizzieren. Hoffentlich werde ich noch besser.

Der Franzose ist sofort auf Erkundung davongezogen, so dass wir zu zweit das empfohlene Sultans Pub besuchten. Es gab hervorragendes Bier und für mich auch Cey (Tee). Türkischer Kaffe war hier nicht zu bekommen.

Meiner Erinnerung nach handelte es sich um eine moderne Kneipe im westlichen Stil mit nagelneuen Möbeln, einer langen Theke und silberglänzenden Zapfhähnen, aus denen auch Pils ausgeschenkt wurde. Die Einheimischen, die hier verkehrten, orderten allerdings vor allem Whiskey – zu jeder Tageszeit und ausgiebig. Islam hin oder her. Mit einem der Stammgäste, der deutsch sprach, sind wir ins Gespräch gekommen. Der schlanke Mann gab sich ungeheuer zynisch und hielt die ganze Welt und ganz besonders Istanbul für grundverdorben. Er arbeitete immer eine Saison in der Schweiz oder in Deutschland – ich vermute als Kellner – um sich dann für den Rest des Jahres hier zu amüsieren. Dabei mochte er Istanbul angeblich nicht. Zu seinem Zynismus mochte nicht so recht passen, dass er die Schweiz mit dem Argument vorzog, dass hier die Regeln für Saisonarbeiter klarer und strenger waren. Nach Deutschland gehe er nur – wenn ich seine Auskunft recht erinnere – weil die Schweiz für Ausländer längere Karenzzeiten zwischen den Saison-Aufenthalten vorschreibe. Ich deutete das so, dass sein moralisches Empfinden nach klaren Vorgaben verlangte, die er in der Ausländern gegenüber rigorosen Schweiz eher vorfand als in der damals vergleichsweise laschen Bundesrepublik.