Reise nach Istanbul

Tagebuch eines Abiturienten, 25. bis 30. August 1980


Vorbemerkung


Das Bild der Türkei war Ende der 1970er geprägt durch fehlende politische Stabilität, ungelöste wirtschaftliche und soziale Probleme, Streiks und Terrorakte links- und rechtsextremer Gruppen. Die Politik unter den zwischen dem neoliberalen Demirel und dem Sozialdemokraten Ecevit wechselnden Regierungen war außerstande die Gewalt einzudämmen. Den Straßenkämpfen, die bürgerkriegsähnliche Züge annahmen, fielen tausende Menschen zum Opfer.

Von keiner Ahnung getrübt planten Franz und ich eine Reise, die uns erst nach Istanbul, von dort ins griechische Alexandropolis und per Insel-Hopping nach Athen bringen sollte.

Wir erreichten Istanbul am 27. August 1980 im Vorfeld des von der Nato und den USA unterstützten Militärputsches gegen die Regierung von Süleyman Demirel durch General Kenan Evren am 12. September. Eher links orientierte türkische Staatsbürger waren sich von nun an ihres Lebens nicht mehr sicher.



Istanbul-Express, erster Tag

26. August 1980

Gestern war miese Stimmung. Der Chef (mein Vater) neidete mir aus unerfindlichen Gründen die zweite Reise in meinem Abiturjahr. Nach dem Streit legte er sich, wie jeden Nachmittag, nieder, um von der Arbeit auszuruhen.  , weil ich, aufgewühlt, vergaß auf die Uhr zu achten. So eilte ich ohne Abschied davon.

Schon auf dem Weg zum Erdinger Bahnhof machte ich erste „Reiseerfahrungen“. Zweimal ging der Rucksack auf, den ich mir geliehen hatte, und dann riss auch noch das Band meiner Feldflasche, auf die ich so stolz war. Trotz aller Eile verpasste ich daher die S-Bahn. Glücklicherweise konnte ich einen kurz darauf fahrenden regulären Zug zum Münchner Hauptbahnhof nehmen.

Dort fand ich auf einer Infotafel den „Istanbul-Express“, Abfahrt 17:34 Uhr, auf Gleis 15. Würde Franz kommen? Ich brauchte nur fünf Minuten fiebern, bis ich mit ihm den Zug besteigen und unsere gegenüberliegende Fensterplätze 55 und 56 im Wagen 268 suchen konnte.

Die beiden netten Türken im Abteil wollten nach Hause fahren, verließen das Abteil aber bald und kamen nicht wieder. Nach der enormen Aufregung ermüdete ich rasch. Wir spielten noch ein wenig Karten, machten es uns aber bald bequem.

Leider kamen ständig Schaffner oder Zöllner, die unseren Schlaf störten. Unser scheinbar tiefer Schlaf hielt aber wenigstens andere Reisende davon ab, sich bei uns einzuquartieren. Erst am späten Morgen wagte sich ein junger Mann ins Abteil, der bis Belgrad mitfuhr, wo für ihn zwei Tunesier, ein Iraker und ein Franzose zustiegen. Es wurde ziemlich eng.

Die neuen Begleiter unterhielten sich auf französisch, wofür meine Schulkenntnisse nicht ausreichten. Aber Franz versuchte mitzuhalten, aber auch er zog Englisch vor und gab rasch auf. Ich beteiligte mich nicht an der Unterhaltung, sondern las in meinem Science-Fiction-Roman („Die Schafe blicken auf“ von John Brunner) oder schlief.

An der bulgarischen Grenze mussten wir mit dem Visum einheimisches Geld erwerben, das ich in Bier umsetzte und Franz an den Iraker weiterverkaufte, die zwei Tage in Sofia bleiben wollten. Das Bier taugte im Übrigen nichts.

Es sei daran erinnert, dass es zu dieser Zeit noch den Ostblock gab. Ich habe es meinem Reistagebuch nicht anvertraut, erinnere mich aber noch gut an die schlecht in farblos-dunkle und für August viel zu warm angezogenen Menschen hinter den schmutzigen Fenstern. Die Bahnhöfe wurden von Soldaten mit Gewehren bewacht, die nur westliche Touristen ein- und aussteigen ließen. Jenseits der Zugfenster schien das Leben trist zu sein, was aber offensichtlich so gut zu meinem Bild des Ostblocks passte, dass es keiner Erwähnung wert schien.

In Sofia verließen uns auch die Tunesier, weil sie anderswo im Zug Freunde getroffen hatten und der Franzose hatte vor, die Nacht im Schlafabteil zu verbringen. Uns waren die 18 Mark dafür aber zu teuer. Der Franzose kam aber bald wieder, weil die Bulgaren sein Interrail-Ticket nicht anerkannten.

Istanbul-Express, zweiter Tag

27. August 1980

Die Nacht erwies sich als nervig. Zwar hatten wir jeder einen Liegeplatz, aber sie waren zu kurz, um bequem darauf schlafen zu können. Schlief man endlich, kam garantiert ein Schaffner oder Zöllner, um den Pass oder das Ticket zu kontrollieren. Oft rissen sie aber auch nur einfach die Türen auf, machten Licht und schmetterten die Tür wieder zu, sobald sie sich versichert hatten, dass wir westliche Touristen waren.

Angenehmerweise war die Nacht wärmer als die vorhergehende, außerdem ließ der „Psychoterror“ nach, sobald es hell wurde. Wir blieben liegen und machten es uns fast bis Mittag gemütlich, obwohl wir um 12 Uhr in Istanbul ankommen sollten. Doch wir haben Verspätung. Ungeduldig starrte ich aus dem Fenster und suchte in der Landschaft nach irgendwelchen interessanten Anzeichen.

Obwohl ich es nicht im Reisetagebuch vermerkte, erinnere mich noch lebendig an die Diskussionen mit dem Franzosen. Sie haben lange mein Weltbild mitbestimmt. Ausgelöst wurden sie durch seine Frage nach meinem Buch. Ich verteidigte meinen Science-Fiction-Roman als hoch philosophisch und sozial ausgesprochen relevant. Dieser Meinung bin ich im übrigen heute noch. Daraufhin entspann sich ein Gespräch darüber, was Philosophie heute sei und der Franzose bestand darauf, dass aktuelle Philosophie derzeit nur in Frankreich stattfinde. Eigentlich war es eher eine Vorlesung, denn wir hatten außer meinem Ethik-Abitur und meiner Utopie-Facharbeit wenig entgegenzusetzen.

Er erzählte uns, die wir kaum etwas verstanden, von der ästhetischen Konstruktion der Wirklichkeit und vom Zynismus der Realität. Sein Beispiel: Die in Stammheim umgekommen Terroristen der Roten Armee Fraktion. Gerade war im Stern ein Artikel erschienen, der Zweifel an ihrem Selbstmord schürte. Einige der Fragen:  „Warum tötet sich ein Linkshänder mit der rechten Hand? Wie kann man Schusswaffen in einen Hochsicherheitstrakt einschmuggeln? Wäre das in seinem Land geschehen, so der Franzose überzeugt, würde niemand an einer Hinrichtung im Namen der Staatsräson zweifeln. Auch hätte man dort dafür gesorgt, dass keine Details an die Öffentlichkeit dringen. Wirklichkeit und Geschichte sind, so der Franzose, Erzählungen der Mächtigen.

Auch bei seinem Lieblingsthema hatten wir dem Franzosen nichts zu bieten. Er schien durch Europa zu reisen, um Bordelle zu testen. Er kannte die Preise der Etablissements in Deutschland, Österreich, vor allem aber in den südlichen und nordafrikanischen Ländern sowie in Bulgarien. Schließlich war er in Sofia zugestiegen. Er schilderte seine Abenteure zwar lebendig,  aber nicht so konkret, dass ich mir etwas gemerkt oder gar notiert hätte.